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Schiedsrichter | Porträts | Fussball

 

 

Quelle: www.zdf.de / 12. September 2003 / von Achim Zeilmann

 

 

Ein glänzender Kopf
Star-Schiedsrichter Collina über die Regeln seines Spiels

 

Er ist der König der Schiedsrichter und berühmter als mancher Fußballstar: Pierluigi Collina ist eine Ausnahme-Erscheinung in einer Zunft, die sonst oft übersehen wird und meist auch recht unbeliebt ist. Er ist der Mann zwischen den Mannschaften, der Streit schlichten und die Einhaltung von Fairness und Disziplin überwachen muss - und längst ein Mythos.

Bereits fünf Mal wurde er zum Weltschiedsrichter des Jahres gekürt. Er hat einige der wichtigsten Fußball-Spiele der letzten Jahre gepfiffen: Das Fußball-Finale der Olympischen Spiele in Atlanta 1996, etliche Top-Begegnungen der Weltmeisterschaft 1998, die hektische Europameisterschaft-Qualifikation Deutschland-England und - natürlich - das verlorene Champions-League-Finale Bayern - Manchester. Nicht zu vergessen auch das WM-Finale 2002 Brasilien - Deutschland, in dem Deutschland unterlag. Kein Wunder, dass Oliver Kahn über Collina einmal sagte: "Er ist ein Weltklasse-Schiedsrichter, aber er bringt kein Glück."

dpa
Wehe, wenn Collina wütend wird ...

Widerspruch zwecklos
     Seine Mimik und Gestik machen den Mann aus Viareggio an der Adria so unverwechselbar wie sein "glattes" Auftreten, das er einer Stoffwechsel-Erkrankung verdankt: Während des Studiums fielen ihm damals innerhalb kürzester Zeit sämtliche Haare aus. Unverwechselbar macht ihn auch sein Mut zu unpopulären und harten Entscheidungen. Wenn er die Stirn in Falten zieht und seine Augen aus den Höhlen zu springen scheinen - wagt es keiner der gepäppelten Millionen-Verdiener zu widersprechen.

Längst ist Collina damit auch Kult. Sein respekteinflößendes Konterfei grüßt von
T-Shirts und selbst George Michael nahm ihn ins Zeichentrick-Panoptikum eines Musikvideos auf. Der "Schiri" läuft auf Modenschauen mit und ist ein gefragter Werbeträger für Sportbekleidung, Uhren und sogar im fernen Japan für Tintenfisch-Snacks (wegen der ähnlichen Kopfform).

Ist Collina etwa langweilig?
      Da war es wohl an der Zeit, dass der Referee mit den glasharten Augen auch eine Biografie veröffentlicht. "Meine Regeln des Spiels" will einen Blick hinter die Kulissen des Schiedsrichter-Geschäfts werfen. Es ist ein trockenes Geschäft, muss das Fazit lauten, wenn man sich durch die Seiten gekämpft hat. Denn Collina erzählt nüchtern, mitunter schulmeisterlich über seine Karriere und seine Anfänge, die Vorbereitung und die Bedeutung eines harten Fitness-Programms auch für Schiedsrichter.

ap
Collina kann auch anders: Er kann strahlend lächeln

So richtig spannend will das nie werden, so ähnlich hätte man sich das sowieso gedacht. Und immer hofft man auf ein Quentchen Humor, ein wenig Ironie, ein bisschen Enthüllung - es kommt aber nichts. Einerseits ist der spröde Stil erfreulich, weil er beweist, dass Collina keinen Ghostwriter hatte. Andererseits fällt dabei sehr schnell auf, dass dieser Mann ein gelernter Finanzberater ist. Kann es sein, dass diese mythische Gestalt, abseits des Platzes ein wenig langweilig ist?

Pedantisch und besessen
     Collina ist ein absoluter Perfektionist, das wird auch im
aspekte-Interview an seinem Heimatort klar. Wenn er zum Beispiel erzählt, dass er manchmal gern eine Fliege wäre, um noch mehr gleichzeitig zu sehen. Wenn er über seine Rolle spricht und seinen Wunsch, nicht Gegner sondern Partner der Spieler zu sein, um das Produkt Fußball zu verbessern, dann spürt man, wie pedantisch und besessen er seine Mission verfolgt. Fast schon deutsch wirkt er mit dieser Ernsthaftigkeit, nach Ansätzen von italienischem Witz sucht man vergebens. Und selbst wenn man ihn mit Aspekten seines Ruhmes oder auch Umfragen zu seiner Popularität konfrontiert, bleibt er steif.

Auf die Frage, was er dazu sagt, dass 60 Prozent der Italienerinnen ihn für attraktiv halten, entgegnet er nur: "Das interessiert mich nicht." Dann bricht er wieder auf zum Fitness-Training und wer ihn dabei beobachtet, merkt: Jedes Muskel-Stretching ist ihm ein Kampf. In seiner Mission fordert er alles von sich selbst und auch von seinen Fans. Man muss es einmal sagen dürfen nach zahlreichen gelesenen Seiten und einem Interview: Collina ist ein Mann der großen Gesten, nicht der großen Worte.

Buchtipp

von Pierluigi Collina
Meine Regeln des Spiels.
224 Seiten

Hoffmann & Campe Verlag, September 2003
ISBN: 3455093981
Preis: EUR 17,90

 

 

 

 

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Letzte Aktualisierung:
17. November 2003

 

© Axel Beckmann