JERSEY CITY, N.J., Oct. 6
Da bin
ich also angekommen, im Hyatt Regency's Holland Ballroom
beim NBA Schiedsrichter-Vorbereitungs-Meeting 2003.
Dies ist das jährliche 5 Tage dauernde Trainings-Camps,
zu dem sich die 59 NBA-Refs treffen, um sich mit
physischen und theoretischen Tests, Videoanalysen
und Seminaren über Regelinterpretationen, Spielsituationen,
Spielfeld-Kontrolle und Spieldisziplin zu beschäftigen.
Jetzt
gerade fühl ich mich, als ob ich in einem 40er Jahre
Detektiv Film gefangen sei. Wir wurden in drei Gruppen
geteilt, um über "Spielanalyse" zu sprechen,
wobei es hauptsächlich um das Thema geht: "Du musst
entscheiden." Der Unterschied zu den Filmen ist,
dass hier lauter Jungs sitzen, die alle ein Diplom im
Fach NBA-Regeln in der Tasche haben. Ich hoffe, dass
ich das überstehe.
Ein
Vertreter der Medien sitzt in jeder Gruppe. Wir Journalisten
sind hier, um das Leben der Schiedsrichter zu beobachten.
Wir wurden gebeten, daran teilzunehmen. Das sollte leicht
sein, denn ich habe in meinem Leben niemals eine schlechte
Entscheidung [bezieht sich auf das Thema der Sitzung
"Du musst entscheiden"] getroffen.
|
|
|
Bennett Salvatore, Ted Bernhardt und Sean
Corbin besprechen ihre Entscheidung. D. Clarke Evans
NBAE/Getty
Images |
Vor
uns liegt ein Papier mit fünf Fragen, jede mit fünf
Unterbereichen. Frage Nr. 3 ist für mich und mein NBA-Regel-Buch
muss geschlossen bleiben.
"Wieviele
Einwechselspieler dürfen das Spielfeld während ...
betreten?"
Meine Gruppe
hat alle fünf Unterbereiche diskutiert und ich fühlte
mich vorbereitet als ich beauftragt wurde die korrekten
ANtworten im großen Ballsaal dem Plenum vorzutragen.
Ich trug lässig die ersten beiden Antworten vor
und stockte bei der dritten.
C. 5-Sekunden-Einwurf-Übertretung
im Rückfeld
"Uh...",
stammelte ich. Einer der erfahrenen Leute flüsterte
mir die Antwort zu. "Denk an die Box",
sagte mir die Stimme. Wenn nun irgendwo eine Kiste
[engl.: "box"] gestanden hätte,
wäre ich gerne dort hineingekrochen. Allerdings
hätte ich als Einwechselspieler nach dem Fünf-Sekunden-Pfiff
in der Einwechsel-Box stehen müssen. Ansonsten hätte
ich bis zum nächsten Toten Ball warten müssen. Natürlich
gibt es hier eine Ausnahme, wenn die Spieluhr weniger
als 2 Minuten in jeder Spielperiode oder Verlängerung
anzeigt. In diesem Fall "wird ein angemessener
Zeitraum für die Auswechslung erlaubt."
Dies
war sehr entnervend, um nicht zu sagen kompliziert.
Wenn die NBA uns wissen lassen wollte, wie es ist, eine
Meile in Schiedsrichter-Schuhen zu laufen, dann haben
sie es uns leicht gemacht. Schließlich bin ich lediglich
im Angesicht von vielleicht 20 Leuten gestolpert.
"Nun
stell Dir vor, wie es ist, wenn 20.000 Leute auf Deine
Entscheidung warten!", sagte später ein Schiedsrichter
zu mir.
Das
ist der Grund, warum die NBA dieses Trainings-Camp veranstaltet.
An diesem Tag des Lehrgangs wurden keinerlei physische
Übungen absolviert, dafür arbeiteten die Schiedsrichter
als Team zusammen und führten eine Reihe von mentalen
Übungen durch. Das Gehirn ist das Werkzeug, dass der
Schiedsrichter am häufigsten benutzt.
Ronnie
Nunn, 18 Jahre lang in der NBA als Schiedsrichter aktiv
und in diesem Jahr zum "Director of Officials"
ernannt, hob die Bedeutung der Maßnahme, Außenstehenden
einen Einblick in die Welt der Schiedsrichter zu geben,
hervor: "Das wichtigste am Pfeifen ist, dass wir
den Leuten zeigen, was momentan passiert. Du gehst nicht
zum Spiel, weil Du Dir die Refs anschauen möchtest.
Aber während des Spieles merkst Du, dass die Schiedsrichter
ein bedeutender Bestandteil des Spiels sind. Je mehr
Informationen die Leute über die Tätigkeit der Schiedsrichter
erhalten, darüber, wie das Spiel gepfiffen wird und
welche Standards es gibt, desto besser können wir diese
Mythen - dieser Voodoo, den man immer glaubt, dass er
in einem Spiel angewendet wird - bei Seite räumen."
Nunn und Ed T. Rush, der nach fünf Spieljahren als Director
of Officials nun zum Director of Officiating Programs
ernannt wurde, ziehen durchs Land, um den Mannschaften,
Trainern und Medien zu erklären, wie ein Schiedsrichter
'tickt'.
"Die
Medien sind wichtig für uns, denn sie sind die Verbindung
zur Information und wir wollen, dass die richtigen
Informationen raus gehen", sagt Nunn. "Auf
der anderen Seite wollen wir, dass jeder versteht,
warum wir manchmal falsch liegen. Wir wollen keine
Grauzone entstehen lassen. Je weniger wir uns in
einer Grauzone bewegen und die Zuschauer uns verstehen,
desto besser für jedermann."
Es ist
auch besser für die Schiedsrichter selber, wenn
sie sehen, dass die Leute ein besseres Verständnis
von ihrer Tätigkeit haben. Und diese Arbeit ist
sehr komplex, sei es, wenn es darum geht, die erste
Hälfte des Spiels auf DVD in der Halbzeit anzuschauen,
nach dem Spiel einen Bericht auf einer sicheren
Homepage zu verfassen oder die Flug-Reservierungen
online durchzuführen. Die Schiedsrichter wollen,
dass die Fans wissen, dass ihr Job nicht nur daraus
besteht, 130 Minuten das Feld rauf und runter zu
laufen.
Vieles,
was die Schiedsrichter im Trainings Camp machen, behandelt
das Thema 'Team Work'. Wenn so mancher Zuschauer das
Zusammenstehen der Schiedsrichter auf dem Feld als Unentschlossenheit
auslegt, dann sehen das die Schiedsrichter eher als
Versuch, immer eine richtige Entscheidung zu treffen.
"Sie
sehen hier einen regen Wortwechsel", bemerkt
Rush zu einer Rollenspiel-Übung zwischen den Schiedsrichtern.
"Wir versuchen, den Schiedsrichtern klar zu
machen, wie wichtig bestimmte Verhaltensmuster in
einem Gespräch oder einer Diskussion mit anderen
sind." Rush weiß wie weit die Schiedsrichter
in ihrem gemeinsamen Trainingn vorangekommen sind.
Schließlich ist er seit 31 Jahren dabei und ist
den langen Weg mitgegangen.
"Früher
bestand unser Training daraus, herumzusitzen und über
Situationen zu palavern. Wenn wir von Training sprechen,
dann gab es keines. Heutzutage musst Du Dich sehr gut
vorbereiten, um in eine Position zu kommen, dass Du
für diese Liga angeheuert wirst. Jetzt haben wir Schiedsrichter,
die sehr gut vorbereitet sind um in der NBA erfolgreich
zu sein."
Für
meinen Erfolg in der Liga, nun, lassen Sie es mich so
ausdrücken, ich befinde mich im Niemandsland. Nur wenige
Momente nach meiner Fünf-Sekunden-Regelübertretung ließ
Nunn eine Spielsituation auf der Videoleinwand ablaufen
und rief danach meinen Namen auf. Ich sollte eine Entscheidung
treffen.
"Können
Sie das nochmal abspielen, bitte?", war meine Reaktion.
"Klar, ich werde die Szene wiederholen", sagte
Nunn mit einem Lächeln auf den Lippen. "Wie im
richtigen Leben!"
Tja,
ich habe wohl noch viel zu lernen.
|