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Tommy Nuñez
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Er war am 16. April in Philadelphia
als Michael Jordan wieder einmal zurücktrat. Aber niemand
nahm in wahr. Pfeifen
gab es, aber keine Glocken, in
Tommy Nuñez' letztem NBA Spiel.
Auf eine bestimmte Art war diese Anonymität
perfekt. Eine Bestätigung, dass er seinen Job gut
erledigt hatte. Oder besser, ihn entsprechend den
Anweisungen erledigt hat. Schiedsrichter sollen
niemanden in die Quere kommen. Wenn sie es doch
tun, dann ist etwas schief gelaufen. Stille ist
ihre größte Bestätigung. Zum
Teil ist dies der Grund, warum Nuñez niemanden seinen
Rückzug angekündigt hat. "Ich habe niemandem davon
bis Mitte April erzählt." berichtet Nuñez, 64. "Aber
ich wußte es schon lange, dass ich nach 30 Jahren aufhöre.
Ich wollte zurücktreten bevor ich schlechter werde."
Abseits
der Grundlinien wartet eine Menge auf Nuñez. Der in
Phoenix geborene Schiedsrichter spricht bei vielen Veranstaltungen.
Er repräsentierte die NBA vor einigen Wochen bei den
Europameisterschaften. Er baut gerade in Arizona eine
hispanische Sports Hall of Fame. Am Tag der Arbeit veranstaltet
er sein Nationales Hispanisches Basketball Classic Turnier.
Einer
seiner Söhne, Tommy Nuñez Jr., ein College und WNBA-Schiedsrichter
äußert sich wie folgt:"Ich glaube nicht, dass er
Zeit haben wird, um die NBA zu vermissen." Vielleicht
ist es eine Ironie, dass Nuñez abseits des Feldes bekannt
geworden ist, weil er den fundamentalen Wert erkannt
hat, auf dem Feld im Hintergrund zu bleiben.
Es
gib keine Favoriten
In
diesen Tagen wird er häufig mit dem Vorwurf konfrontiert,
dass die Stars gegenüber den anderen Spielern bevorzugt
werden. "So gut sind wir gar nicht" antwortet Nuñez. "Es
gibt keinen Star Bonus. Wenn ein Schiedsrichter
aufs Feld geht und derart unterscheiden kann, dann
wird er der größte Schiedsrichter sein, der je gelebt
hat. Alles was wir tun, richtig oder falsch, ist
instinktiv. Du hast gar keine Zeit, um viel darüber
nachzudenken. Ich weiß, dass man diesen Vorwurf
immer wieder hört. Normalerweise kommt er von Leuten,
die einen bestimmten Spieler oder ein Team nicht
leiden können. Aber Du kannst alle Spitzenspieler
aufzählen, sie sind nun einmal so gut. Sie sind
Superstars. In den Vorbereitungslehrgängen haben
wir nie über die Spieler gesprochen oder wie man
sie bevorzugt behandelt. In all den 30 Jahren haben
wir nie über die Mannschaften diskutiert."
Aus
unterschiedlichen Gründen sind bekannte Schiedsrichter
gekommen und gegangen. Ein Beispiel ist Jake O'Donnell.
Er war bis in die 80er einer der respektiertesten Schiedsrichter,
aber seine Zeit endete nur kurz nach einem persönlichen
Konflikt mit Clyde Drexler vor ungefähr 10 Jahren währen
eines Spieles in der America West Arena.
Nuñez sagt,
dass er immer darauf geachtet hat, die schwierige Balance
zwischen Spielern und Schiedsrichtern bzw. Trainern
und Schiedsrichtern zu bewahren. "Ich hatte nie
persönliche Probleme. Zeige Respekt und Du erhälst Respekt.
Wenn Du glaubst, dass Du einen Fehler begangen hast,
dann gib ihnen etwas Platz. Aber wenn Du Dir sicher
bist, richtig gehandelt zu haben und sie versuchen Dich
vor den anderen Spielern bloß zu stellen, musst Du Dir
Deiner Aufgabe bewußt sein." In einem Spiel war
er in einen Konflikt zwischen John Havlicek und Jordan
verwickelt. Es gab Konfrontationen, zahlreichen Technische
Fouls und ein aufgebrachtes Publikum.
Ohne
all dies, wäre Nuñez wohl einem anderen Job nachgegangen.
Schiedsrichter arbeiten nicht im geschützten Umfeld
einens schönen Gerichtssaals. Die Pfeife ist kein Hammer.
"In über 2000 Spielen habe ich nie perfekt gepfiffen.
Das geht gar nicht. Es ist unmöglich." gibt Nuñez zu
bedenken. "Die Zuschauer sind kein Faktor für einen
NBA-Schiedsrichter. Wir haben ein 50-mal-94-Fuß-Spielfeld.
10 Spieler und 2 Coaches stehen auf ihm. Man ist sich
der Zuschauer gar nicht bewußt. Du hörst nur selektiv
zu. Ich ließ mich nie vom Publikum beeinflussen, weder
in die eine noch in die andere Richtung. Sie sind alle
gleich. Die selben Richtungen, die selben Kommentare."
Schwierige
Zuschauer
Wenn
überhaupt, dann waren die Zuschauer eher ein Problem
für seinen anderen Sohn, Donnie. Er isz in Maricopa
County Jugendfürsorger und war im Junior College
als Schiedsrichter tätig. Donnie Nuñez, heute 41
Jahre alt, erinnert sich an früher, als er im Memorial
Coliseum in Phoenix gesessen hat und die Fans mit
ihren Kommentaren auf seinen Mexikanisch-amerikanischen
Hersprung angespielt haben. Er erzählt: "Ein
Fan war rassistisch. Er wollte, dass mein Vater
Drei-Sekunden pfeift und schrie: 'Hey, kannst Du
nur auf spanisch zählen?' Mein Freund und ich sprangen
auf. Ich war 17 oder 18, ein junger Draufgänger.
Er sagte zu mir, dass er Jerry Colangelo (Besitzer
der Phoenix Suns) kennen würde. Ich antwortete:
'Schön, aber wenn Du nochmal so etwas sagst, bekommst
Du es mir mir zu tun.' Zum Glück endete diese Konfrontation
damit. Ich war niemals in einen Kampf verwickelt.
Aber ich fühlte mcih angegriffen, wenn jemand so
etwas über meinen Vater sagte. Rassismus war in
dieser Zeit in Phoenix an der Tagesordnung."
Im
Laufe der Jahre löste Respekt den Rassismus ab. Donnie
Nuñez ist sich sicher: "Immer mal wieder, wenn
jemand zuviel getrunken hat, hört man jemanden etwas
in seinen Bart murmeln. Aber etwas anderes? Nah. Wir
sprechen hier von einem Vorfall, der über 20 Jahre zurückliegt."
Aber Zeit - die Periode von drei Jahrzehnten und mehr
- ist nun einmal Teil der Nuñez Geschichte.
Wendepunkte
Die
Kampfbereitschaft seines Sohnes kann auf den Vater zurückgeführt
werden, der ein kampflustiges Kind in eines der härtesten
Viertel von Phoenix in den 50er Jahren war. "I was a pain in the butt," lacht
Tommy Nuñez. [Anm.: Amerikanische Redensart. "Pain
in the butt" bedeutet wörtlich übersetzt: "Schmerz
im Hintern"] Nuñez wuchs in einem heruntergekommenen
Haus in der Nähe der 9. Strasse und Washington Street
auf. Er wurde von der St. Mary's High School geschmissen,
wo seinen Söhne später ihren Abschluss mahcten. Nach
einem Jahr an der Phoenix Union, lieh er sich den Wagen
seinen Onkels, fuhr mit ihm herum und rampte ein parkendes
Auto, ohne anzuhalten. Dieser Vorfall veränderte sein
Leben und wer weiß, was ohne diesen aus Tommy geworden
wäre. Im September 1955,
wurde Nuñez, damals gerade 17, vor die Wahl gestellt: Gefängnis oder Marines.
Er nahm das Schiff. "Das veränderte meine Leben."
sagt er heute. "Ich lernte Disziplin. Ich lernte
eine Menge Dinge."
Fakt
ist, dass seine NBA Karriere vielleicht nur die Folge
von viel Glück war. Es lief ihm hinterher. Nachdem er
nach Hause gekommen war um eine Familie zu gründen,
arbeitete er als Elektriker für Western Electric, später
ein Teil von AT&T. An den Wochenende leitete er
City League Spiele im Baseball und Basketball. Später
wurde er dann High School und Junior College Schiedsrichter.
Eines Tages entdeckten ihn Bob Machen und Ted Podledski,
die beide für die Phoenix Suns arbeiteten. 1972 drängten
sie ihn dazu, sich bei der NBA zu bewerben. "Zuerst
glaubte ich: 'Blödsinn'. Ich hatte Angst vor dem Versagen.
Ich sagte ihnen: 'Was, dieser Mexikaner?' Ich war 30
Jahre alt und war niemals östlicher als Globe, Arizona
gewesen." Nuñez reiste zum ersten Mal in Richtung
Osten zu einem Probecamp in Buffalo, New York 1972. Es
war der Beweis, dass dies mehr als nur ein kurzer Zwischenstopp
war. 1973 wurde ihm ein Vertrag angeboten. "Es
wurde eine amüsante Reise" scherzt Nuñez,
den sein Glück beim Pfeifen nie verlassen hat.
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