Dee Kantner fliegt aus der NBA
Geschrieben von ESPN.com / The Sacramento Bee   
Sonntag, 14. Juli 2002

kantner.jpgNun hat auch die scheinbar so heile NBA-Schiedsrichter-Welt einen deutlichen Riß bekommen. Dee Kantner, eine von zwei weiblichen NBA-Schiedsrichtern wurde am Montag gefeuert.
"Dee wurde gekündigt", gab der Vizepräsident für Operations, Stu Jackson bekannt. "Es gibt Momente in der Karriere eines Schiedsrichters, wo man feststellen muss, dass dieser keine spürbaren Fortschritte in seiner Entwicklung macht und eine Änderung notwendig ist. In diesem Fall waren wir der Meinung, dass ihre Entlassung berechtigt ist." Ohne weitere Erklärung teilte der Direktor für das Schiedsrichterwesen, Ed T. Rush, mit, dass auch Jim Kensey keinen neuen Vertrag erhalten würde.

Dee Kantner, die 1997 zusammen mit Violet Palmer in den Schiedsrichter-Kader der NBA aufgenommen wurde, zeigte sich in einem Intervie mit "The Sacramento Bee" völlig überrascht: "Ich bin total erstaunt. Ich hatte keine Ahnung, dass ich in Schwierigkeiten war. Ich hätte erwartet, dass mir das Management irgendwas davon gesagt hätte, aber in keiner meiner Besprechungen fiel ein Wort darüber. Um ehrlich zu sein, bin ich total geschockt."

Kantner hat mehrmals Geschichte geschrieben. Sie und Violet waren die ersten beiden Frauen, die in einer männlichen Profiliga der USA zum Einsatz kamen. Dee war die erste Frau, die ein männliches Spiel bei Olympia pfeifen durfte, und nun ist sie der(die) erste Schiedsrichter(in), der(die) das NBA-Bewertungs-System öffentlich in Frage stellt.

Sie wurde damals von Darell Garretson und Rod Thorn rekrutiert und muss nun unter dem Duo Stu Jackson und Ed T. Rush feststellen, dass sich die Zeiten erheblich geändert haben. Sie hegt große Zweifel an der Abschluß-Rangliste, in der sie auf Platz 59 und damit als schlechteste aller NBA-Schiedsrichter geführt wird. Sie glaubt, dass es sich um eine persönliche Angelegenheit handelt und dass Statistiken manipuliert werden können.

Die 42jährige steht in ihrer Meinung nicht alleine dar: Mehr als ein Dutzend Trainer und Manager wurden von "The Sacramento Bee" kontaktiert und zeigten nicht nur völlige Überraschung, sondern auch große Verärgerung. Selbst diejenigen, die seinerzeit nicht unbedingt über die Aufnahme von Frauen begeistert waren, lobten Ihr vertrauensvolles, gesprächsbereites Auftreten und ihre absolute Verweigerung gegenüber jeglicher Einflußnahme.

"Ich dachte, dass sie auf dem besten Wege sei, ein sehr guter Schiedsrichter zu werden", sagte ein Coach, der - aus Angst vor Repressalien - genauso wie seine Kollegen namentlich nicht genannt werden wollte. "Sie war sehr gut darin, mit uns zu reden und zu erklären, warum sie diesen oder jenen Pfiff genommen hat. Allerdings hat sich in diesem Jahr irgendwas geändert. Es schien, als ob sie seit dem Weggang von Darell und Rod Angst gehabt hätte, bestimmte Dinge zu pfeifen. Anscheinend wollten sie ihr das, was sie am besten konnte, abgewöhnen."

Ein Coach, der nach einem Spiel der vergangenen Saison sehr sauer auf Kantner war, sagte trotzdem: "Glaube ich, dass sie es verdient hat, gefeuert zu werden bzw. dass sie der schlechteste Schiedsrichter war? Nein, nicht im geringsten. Ich kenne 10 Schiedsrichter, die schlechter als sie waren."

Ein der erfahrensten Coaches ist sogar bereit, in einem Gerichtsverfahren für Kantner auszusagen: "Ich werde sie voll unterstützen, denn sie hat Recht."

Hier gibt es nun allerdings scheinbar einen Widerspruch: wie passen diese positiven Kommentare mit den Bewertungen der Vereine aus der letzten Saison zusammen. Schließlich fließen die Beurteilungen der Vereine zu 40% in die Gesamtbeurteilung ein und da war Kantner nun mal Letzte. Betrachtet man das System etwas genauer, muss man aber auch sehen, dass die Meinung von Stu Jackson und Ed T.Rush 50% der Benotung ausmacht. Lediglich mit 10% werden die Noten der Beobachter gewichtet. Da liegt der Verdacht nahe, dass hier dubiose Machenschaften am Werk sind. Umsomehr, wenn man diversen Quellen Glauben schenkt, die beobachtet haben wollen, dass die beiden NBA-Verantwortlichen mit dem eher aggressiven, aber dafür kommunikativeren Stil von Kantner nichts anfangen konnten. Sie bevorzugen angeblich den eher zurückhaltenden Typ, wie ihn Violet Palmer darstellt.

Fakt ist jedenfalls, dass die Vereinsvertreter seit einiger Zeit das Schiedsrichterwesen massiv kritisieren. Einige haben bereits resigniert: "Wir haben gefragt, nach welchen Kriterien Schiedsrichter eigentlich rekrutiert bzw. gefeuert werden, wir haben nie eine Antwort erhalten", sagt einer der Trainer. "Einige von uns lassen die Beurteilung durch den Assistenten vornehmen und unterzeichnen selbst den Bogen ungeprüft. Es spielt eh keine Rolle, was wir denken, also warum Zeit verschwenden?"

NBA-Vice President Jackson, der übrigens den Älteren unter uns noch als Spieler bekannt sein dürfte, reagiert auf diese Aussagen ärgerlich: "Wenn das stimmt, ist das schrecklich. Wir nehmen diese Angelegenheiten sehr ernst. Wir machen uns viele Gedanken. Wir haben ein Beobachtungssystem und Kantner war in dieses involviert. Wenn sie sagt, dass sie von nichts gewußt hat, dann stimmt das einfach nicht."

Die studierte Wirtschafts-Ingenieurin Kantner wußte bei Ihrem Eintritt in die NBA, dass es nicht leicht werden würde, die Geschlechtergrenzen zu durchbrechen. Sie hatte sich aber auch schon vorher in hohe Positionen vorgekämpft. Bis zu ihrem NBA-Engagement war sie die Chefin der WNBA-Schiedsrichter und für deren Einsatz und Beurteilung zuständig. Sie ist FIBA-Schiedsrichterin und hat bei Amerika- und Weltmeisterschaften gepfiffen, desweiteren war sie eine sehr erfolgreiche Division I-College-Schiedsrichterin.  Nun will sie ihren Kampf fortsetzen und "prüft alle Möglichkeiten", wie sie wieder in die NBA zurückkehren kann. Denn eins darf man nicht vergessen: im amerikanischen Profi-Sport sind auch die Schiedsrichter Profis. Kantner verdient ihren Lebensunterhalt mit Pfeifen und mit 42 wäre es noch ein bischen früh, um sich zur Ruhe zu setzen.

Quelle: espn.com