"Der schönste Nebenjob der Welt"
Geschrieben von Tilman Rakers   
Samstag, 26. Januar 2008

steinkampDer Technische Kommissar und Schiedsrichter-Coach des VfL Stade, Rudi Steinkamp ist in der Bundesliga hautnah am Geschehen dran. Bei all der Kritik, der sich Schiedsrichter auszusetzen haben, sind die ersten Fragen von Außenstehenden "Was reizt an dieser Aufgabe? Wer möchte diesen Job überhaupt machen?" Rudi Steinkamp (69) vom VfL Stade ist einer, der es wissen muss: Er kann als Referee, Technischer Kommissar und Schiedsrichter-Coach auf eine jahrzehntelange Erfahrung im Schiedsrichterwesen der Basketball-Bundesliga (BBL) zurückblicken.

Steinkamp habe schon den Eindruck, dass unter seinen Kollegen ein bestimmter Typ Mensch am häufigsten vertreten ist. "Du triffst auf viele Leute, die ein gewisses Ego haben", sagt er. Was ein Schiedsrichter allerdings auch benötige, um in brenzligen Situationen richtige Entscheidungen zu treffen. Bei seinem Einsatz als Kommissar bei der Partie der Eisbären Bremerhaven gegen Science City Jena (73:72) kam es zu so einer Szene: Bremerhaven führte zehn Sekunden vorm Ende mit drei Punkten, doch Jena hatte den Ball und damit die letzte Chance auf eine Verlängerung.

"Die Vorbereitung auf solche Drucksituationen ist das wichtigste", so Steinkamp, der vor seiner Pensionierung Kaufmann im medizinischen Bereich war und seit drei Jahren als Schiedsrichter-Coach für die BBL arbeitet. Bei dieser damals neu eingeführten Aufgabe fungiert er nicht mehr als Beobachter, der nach dem Spiel eine Bewertung für den Verband abgibt, sondern arbeitet direkt mit den Schiedsrichtern zusammen, um sie gezielt zu schulen. Zentrale Rollen nehmen dabei die Vor- und Nachbereitungsgespräche ein. "In dieser Hinsicht ist es in die BBL mittlerweile sehr professionell", sagt Steinkamp, der Fahrtkosten erstattet und ein kleines Honorar erhält. Der jeweilige Heimverein stelle dem Schiedsrichtergespann samt Coach oft direkt nach Spielende eine DVD zur Verfügung, mit der kritische Entscheidungen zeitnah überprüft werden können. "Meistens sind wir die letzten, die die Halle verlassen", sagt er.

Einer der wichtigsten Punkte, auf die Steinkamp bei der Beurteilung achtet, ist, ob es dem Gespann gelingt eine konsequente Linie durchzuziehen. Vorgaben dafür gibt es vorm Spiel vom sogenannten Crew-Chief des jeweils dreiköpfigen Gespanns. Beim Spiel in Bremerhaven, bei dem Steinkamp auch die Coaching-Aufgaben übernahm, gab der Hamburger Schiedsrichter Boris Schmidt seinen Kollegen Julian Groll und Toni Rodriguez den Ton vor. Zwei seiner wichtigsten Ansagen: Gleich von Beginn an eine Linie einschlagen, die über 40 Minuten durchzuhalten sei und bei Kontaktsituationen nur pfeifen, wenn jemandem ein Nachteil entsteht. In den letzten Sekunden war dann auch für die Schiedsrichter die Zeit der Entscheidung gekommen: Würden sie sich an die Vorgaben halten? Jenas Mark Davis war der Spieler, der versuchte, den Ausgleich zu erzielen. Er dribbelte aus der eigenen Hälfte nach vorn und trotz mehrfacher Gegnerberührung blieb der Pfiff zunächst aus. Erst als Davis mit ablaufender Zeit kurz vor der Dreierlinie zum Wurf hochging, kam zum Entsetzen der Bremerhavener Fans der Pfiff. Und das bedeutete, drei Freiwürfe, Davis hätte noch den Ausgleich erzielen können.

Das Gespann hatte alles richtig gemacht. Zunächst weiterlaufen lassen, als klar war, dass weder dem angreifenden Spieler ein Nachteil durch Kontakt entsteht, noch der verteidigende Spieler ein Foul begehen wollte. Und dann gepfiffen, als Davis tatsächlich beim Wurfversuch gefoult wurde. "Da hat Toni Stärke bewiesen", war Steinkamp zufrieden, dass Rodriguez den Mut hatte, in der Schlusssekunde eine unpopuläre, aber treffende Entscheidung zu fällen. Letztlich war es Bremerhavener Fans egal: Davis traf nur zweimal und wurde bei der knappen Niederlage zur tragischen Figur.

Quelle: http://www.abendblatt.de/daten/2008/01/26/840947.html