Die Grundidee des modernen Schiedsrichterns / Teil 1
Geschrieben von Valentin Lazarov / Übersetzung Albert Schencking   
Dienstag, 27. März 2007

2006_koeln_sehrkleinDer Autor des nachfolgenden Artikels, Valentin Lazarov, war FIBA-Schiedsrichter von 1958 bis 1982 und ist seit 1976 Ehren-Schiedsrichter. 1983 wurde er FIBA-Kommissar, seit 1976 ist er Mitglied der Welt-Technischen Kommission. Er erhielt den begehrten Radomir-Shaper-Preis, der für außergewöhnliche Verdienste um die Basketball-Regeln und die Entwicklung des Basketballspiels verliehen wird. Der Text wurde von Albert Schencking ins Deutsche übersetzt und stammt im Original aus der FIBA-Publikation "FIBA-Assist" Nr. 23, Dezember 2006.


Einführung

In den letzten Jahren hat Basketball weltweit eine außergewöhnliche Weiterentwicklung und einen Zugewinn an Popularität erfahren.

Zeitgemäßes modernes Basketball ist eine spektakuläre und abgestimmte Kombination von ungeheurer Geschwindigkeit, außergewöhnlichen athletischen Fähigkeiten, aggressiver Verteidigung und hervorragender Technik der Spieler.

Selbstverständlich hängt die Entwicklung des Basketballspiels eng mit der Entwicklung des Schiedsrichterns zusammen. Deshalb muss man, wenn man vom "modernen Basketball" spricht, auch vom "modernen Schiedsrichtern" sprechen. Modernes Schiedsrichtern beinhaltet neue zusätzliche Anforderungen an die Schiedsrichter.

Mit diesem Artikel möchte ich die neu hinzugekommenen Anforderungen an die Schiedsrichter aktualisieren und strukturieren. Schließlich sind die Schiedsrichter stark an der Umsetzung der Entwicklung des Spiels auf dem Spielfeld beteiligt.


Faktoren, welche die Leistung eines Schiedsrichters beeinflussen

Im modernen Basketball setzt sich die Leistung eines Schiedsrichters aus einer Fülle von direkten und indirekten Merkmalen zusammen, welche die Leistung der Schiedsrichter beeinflussen. Man kann die Summe der einzelnen Fähigkeiten und die Faktoren, die sich auf alle Fähigkeiten auswirken, mit der folgenden Formel ausdrücken:

Q = (A+B+C+D+E+F+G+H)·X·Y·Z.

Dabei bedeuten:

Q = Qualität der Schiedsrichterleistung
A = Körperliche Fitness
B = Anwendung der richtigen Kriterien bei der Beurteilung von körperlichen Kontakten
C = Verstehen der Psychologie der Spieler, Trainer und Zuschauer
D = Kenntnis der Regeln und Interpretationen
E = Kenntnis von Angriffs- und Verteidigungssystemen
F = Teamfähigkeit
G = Schiedsrichtertechnik
H = Kenntnis der Kampfrichterarbeit
X = Faktor für Talent und Persönlichkeit
Y = Faktor für Ehrgeiz, starken Willen und Mut
Z = Faktor für persönliche Begabung

Natürlich darf man sich dies nicht als Formel im mathematischen Sinn vorstellen, es soll eher eine Beschreibung sein. Sie repräsentiert allerdings die Themen und Eigenschaften, auf die sich junge und aufstrebende Schiedsrichter konzentrieren müssen, um eine perfekte Leistung auf dem Weg zum Spitzenschiedsrichter erbringen zu können.

Diese "Formel" empfiehlt sich auch für wichtige Themen im Lehrgangsprogramm für FIBA-Schiedsrichter-Kandidaten.

Wichtige Anmerkungen

Im Folgenden bringe ich eine kurze Zusammenfassung zu jedem dieser Merkmale und gehe nur auf das Wichtigste ein. Eigentlich müssen für die Vorstellung jedes dieser Punkte zwischen einer und vier Stunden aufgewendet werden, einschließlich visuellen Materials und Beispielen aus der Praxis.


A. Körperliche Fitness

Der Schiedsrichter muss die Aktionen auf dem Spielfeld so nah wie möglich beobachten und dabei die bestmögliche Position einnehmen, um präzise Entscheidungen treffen zu können. Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen einer präzisen Entscheidung und der bestmöglichen Position auf dem Spielfeld. Das bedeutet, dass ein Spitzenschiedsrichter so schnell wie die Spieler, in einigen Fällen sogar noch schneller sein muss. Dazu ist eine ausgezeichnete körperliche Verfassung erforderlich.
Sehr oft ist eine nicht ausreichende Beweglichkeit der Schiedsrichter der Grund für schlechte Entscheidungen. Wenn er zu weit vom Geschehen entfernt ist, kann er nicht genau sehen, ob ein Foul begangen wird. Er vermutet, dass in ähnlichen Situationen fast immer ein Foul begangen wird, also beurteilt er auch diese Situation als Foul. Oder er nimmt in der Schlussphase des Spiels einem Spieler, obwohl dieser einen regelgerechten - eventuell sogar spektakulären - Spielzug durchführte, durch einen unangebrachten Pfiff die Chance auf einen Korb.

Eine weit von der Aktion entfernte Schiedsrichterposition wirkt sich auch psychologisch auf die Reaktion von Spielern, Trainern und Zuschauern aus. Eine 100% richtige Entscheidung, die weit von der Foul- oder Ausball-Situation gefällt wird, führt fast immer zu unerwünschten Reaktionen.
Die dynamischen Aktionen der Spieler und die Geschwindigkeit, in der die Ballkontrolle wechseln kann, fordern eine ständig hohe Konzentration der Schiedsrichter während des gesamten Spiels. Andererseits nimmt einhergehend mit der körperlichen Ermüdung die Konzentrationsfähigkeit und damit die Reaktionsgeschwindigkeit eines Schiedsrichters stark ab.

Dieser Prozess (siehe Blockdiagram) kann sich durch einige Faktoren stark verzögern, wobei die körperliche Ermüdung der wichtigste ist.

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Schließlich dient die anregende Wirkung des Aufwärmens vor dem Spiel (15 bis 20 Minu-ten) nicht nur der Erhaltung der beständigen geistigen Kondition des Schiedsrichters durch das Spiel hindurch, sondern beugt auch der Häufigkeit und Schwere von Muskelverletzungen vor.

Zusammenfassung
Eine körperliche Verfassung im Top-Zustand gehört im Basketball nicht einfach zur Schiedsrichtertheorie, sondern ist absolut notwendig. Dies war in der Vergangenheit, als die Spiele weniger dynamisch und aggressiv waren, nicht so wichtig. Heute hat jedoch die körperliche Verfassung des Schiedsrichters einen grundlegenden Einfluss auf seine Leistung auf dem Spielfeld.

B. Richtige Beurteilung der Körperkontakte

Die Dynamik und Anziehungskraft im modernen Basketball erlaubt es den Schiedsrichtern nicht mehr, das Spiel zu oft zu unterbrechen. Sowohl für die Teilnehmer als auch für die Zuschauer ist ein interessantes Spiel eine ununterbrochene Folge von spektakulären Aktionen. Ein attraktives und reizvolles Spiel hängt damit ganz stark von der Beurteilung von Kontakten durch die Schiedsrichter ab.

Statistiken belegen, dass im heutigen Basketball die Zahl der Körperkontakte sich verdoppelt, teilweise sogar verdreifacht hat. Alle zwei bis drei Sekunden sehen wir einen oder mehrere Aktionen mit Körperkontakt zwischen Gegenspielern. Davon werden jedoch nur 10 bis 15 % von den Schiedsrichtern als Foul gepfiffen. Das bedeutet, dass die Schiedsrichter bei dieser Auswahl viel mehr den Praxisbezug als den genauen Wortlaut des Regeltextes berücksichtigen müssen.

Bei den Schiedsrichtern wird am meisten (ca. 80 %) kritisiert, wie sie mit der Beurteilung der Kontaktsituationen umgehen.

Es ist praktisch unmöglich geworden, das Spiel wegen jedem Kontakt zu unterbrechen, weil dadurch die Attraktivität des Spiels zerstört würde. Deshalb müssen wir einerseits versuchen, den Spielfluss so wenig wie möglich zu stören, andererseits müssen wir die Regeln strikt beachten und das Spiel ständig unter Kontrolle behalten, wenn wir nicht wollen, dass das Spiel sich ähnlich wie ein Rugbyspiel entwickelt.

Schließlich muss ein Unterschied aufgezeigt werden zwischen zufällig entstehenden Kontakten, die im Laufe eines Spiels einfach vorkommen, und Kontakten, die zu persönlichen Fouls ausarten. Unter dem "Schiedsrichtern im Geist des Spiels" verstehen wir die erfolg-reiche Umsetzung dieser ganz schwierigen Grenzziehung auf dem Spielfeld.

Hier hängt vieles vom persönlichen Talent des Schiedsrichters ab und wie er sich dieses ausgeprägte Gespür dafür aneignet. Hier sieht man auch die Grenze zwischen einem Spitzen- und einem Durchschnitts-Schiedsrichter.

Vorteil-/Nachteil Prinzip

Aufgrund der oben genannten Fakten wurde das klassische Vorteil-/Nachteil-Prinzip ent-wickelt. Es fordert die Schiedsrichter auf, bei der Beurteilung persönlicher Fouls alle Körperkontakte zu bewerten, die

  • dem Spieler, der sie verursacht, oder seiner Mannschaft einen Vorteil verschaffen
  • den gegnerischen Spieler oder seine Mannschaft benachteiligen.

Dazu füge ich immer noch diesen sehr wichtigen Punkt hinzu:

  • sich systematisieren und die Gefahr verursachen, dass sich ein grobes Spiel entwickelt oder die Spielkontrolle verloren geht.

Die Schiedsrichter müssen wissen, dass sie sich voll im Einklang mit den FIBA-Regeln befinden, wenn sie dieses Prinzip anwenden: "Die Schiedsrichter sollten dabei den Spielfluss nicht unnötig unterbrechen, indem sie einen zufälligen persönlichen Kontakt bestrafen, der weder dem dafür verantwortlichen Spieler einen Vorteil bringt noch seinen Gegenspieler benachteiligt..."


Anwendungsbereiche

  • Attraktive Spielkombinationen
  • Direktes Ziehen zum gegnerischen Korb
  • Schnellangriffe
  • Korbwurfaktionen
  • Passen des Balls
  • Dribbeln des Balls
  • Gleichgewichtsverlust nahe einer Grenz- oder der Mittellinie
  • Kampf um Positionen auf dem Spielfeld
  • Freier Ball auf dem Boden
  • Sperren


Zusammenfassung

Das Vorteil/Nachteil-Prinzip zu verstehen und jede einzelne Kontaktsituation gut abzuwägen und kompetent zu beurteilen, ist für den Schiedsrichter der Schlüssel, ob ein Körperkontakt als persönliches Foul anzusehen ist oder nicht (siehe Blockdiagram).
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Die Antworten auf folgende vier Fragen führen zur endgültigen Entscheidung über "Foul oder kein Foul":

  1. Was ist geschehen?

  2. Wer ist daran beteiligt?

  3. Wie ist es dazu gekommen und wer ist dafür verantwortlich?

  4. Hat dies Einfluss auf das Spiel?

Teil 2 dieses Artikels findest Du hier.