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Sie sind wahrscheinlich die meistgehassten Männer der Basketball-Bundesliga (BBL): die Schiedsrichter. Wenn die Männer in den grauen Trikots zur Pfeife greifen, sehen die Fans auf den Rängen schon einmal rot. Es ist ein Knochenjob, der auf die 32 Bundesliga-Schiedsrichter zukommt, wenn die neue Saison in der höchsten deutschen Spielklasse beginnt. Entscheidungen im Sekundentakt, hohes Tempo, Stress, Hektik, wild gestikulierende, fluchende Trainer, verständnislose Spieler und - je nach Hallengröße und emotionaler Aufladung - die geballte Wut der Fans. "Sie müssten einmal diesen Adrenalinschub spüren, wenn 8000 Fans loskrakeelen", sagt Harald Steinhoff, der Manager des BBL-Schiedsrichter-Referates. Und auch der einst als "körperlos" gepriesene Sport transportiert so manches, was man sonst nur auf dem Fußballplatz erwarten würde. Schiedsrichter beim Basketball müssen hart im Nehmen sein. "Die Schiedsrichter sind die schlechtbezahltesten Sozialarbeiter Deutschlands", sagt Jens Staudenmayer, der Instructor des BBL-Schiedsrichter-Referates.
Männer wie Boris Schmidt sehen dies ein wenig gelassener. Kein Unparteiischer polarisiert so wie der 45 Jahre alte Mann aus Bergedorf bei Hamburg. Schmidt, mit 1,70 Meter eher klein gewachsen, ist eine feste Größe im deutschen Basketball. In der zurückliegenden Saison ist er zum "Schiedsrichter des Jahres" gewählt worden. Wenn sich Hünen wie der 1,95 Meter große Kölner Trainer Sasa Obradovic nach unbequemen Entscheidungen wild gestikulierend und schimpfend vor dem kleinen Norddeutschen aufbauen, behält "Boris", wie er oft beinahe ehrfurchtsvoll genannt wird, die Fassung. Benimmt sich ein Trainer oder ein Spieler daneben, greift Schmidt zu seiner gefürchtetsten Waffe, legt die flache Hand auf die ausgestreckten Finger und zeigt dem Gegenüber das "T": technisches Foul. "Die Halle explodiert förmlich unter der Gewalt dieser Geste", schrieb ein Fan im Internet über Schmidts kühle, fast kaltblütig wirkende Art, auf technisches Foul zu entscheiden. Nur über eines wunderte sich der Basketballfreund: "Boris pustet nicht auf seine Fingerkuppen."
Die wahre Kunst, ein guter Basketball-Schiedsrichter zu sein, besteht vermutlich darin, in der Hektik des Spiels, mitten im Hexenkessel der Bundesligaarenen sachlich zu bleiben, ruhig und möglichst unbeeindruckt zu entscheiden. Kein einfaches Unterfangen für die 32 "Schiris", die in stets wechselnden Dreiergespannen die Spiele der BBL leiten. Männer wie Schmidt wissen genau, warum sie so oft ins Zentrum der Kritik geraten, wenn es heiß hergeht auf dem Parkett. "Der Grund ist das komplexe Regelwerk", sagt Schmidt, "es ist ungemein schwer nachvollziehbar."
Es ist ein schmaler Grat, auf dem die Unparteiischen während der Hochgeschwindigkeitsdarbietungen in der BBL wandeln. Offensivfoul oder Defensivfoul? Hat ein Spieler mehr als drei Sekunden in der gegnerischen Zone gestanden? Wie viel Härte ist erlaubt? Wann muss auf unsportliches Foul entschieden werden? Manchmal sind Basketballspiele eine harte Geduldsprobe. Vor allem gegen Ende, wenn die Teams versuchen, den Gegner mit taktischen Fouls an die Freiwurflinie zu zwingen, in der Hoffnung auf Fehlwürfe - und darauf spekulieren, schnell wieder in Ballbesitz zu kommen. Zusammen mit den drei Auszeiten, die den Mannschaften in den beiden letzten Spielvierteln zustehen, können sich Partien extrem in die Länge ziehen. Schmidt empfindet dieses Relikt aus einer Zeit, in der man den Sport habe spannender machen wollen, als lästig. "Wenn ich eine Regel ändern würde, dann diese", sagt Schmidt. Sein Vorschlag: taktische Fouls lediglich mit Einwurf von der Seitenlinie zu bestrafen.
Selbstbewusstsein und Kompetenz sind bei den Männern im hellgrauen Trikot gleichermaßen gefragt. Vor allem, wenn junge Schiedsrichter mit im Spiel sind, wie der erst 24 Jahre alte Toni Rodriguez. Bis er 17 Jahre alt war, spielte er an der Sportschule Halle/Saale Basketball und pfiff nebenbei auch Spiele. "Dann habe ich gemerkt, dass ich als Schiedsrichter mehr Erfolg habe", erzählt Rodriguez, der auf dem besten Weg zur Erstliga-Stammkraft ist. Auch Schmidt hat bereits mit 15 Jahren Basketballspiele gepfiffen. Er und Nachwuchskraft Rodriguez haben eine Gemeinsamkeit. Sie sind Schiedsrichter aus Leidenschaft.
Das Geld spielt eine Nebenrolle. 285 Euro bekommen Schiedsrichter für ein Spiel in der BBL; wird es an einem Wochentag ausgetragen, gibt es 125 Euro mehr. Dafür wird eine Menge verlangt. Anreise meist einen Tag früher. Videostudien der Mannschaften auf der Zugfahrt oder im Hotelzimmer, ausführliche Meetings des Dreierteams; nach der Partie sitzt man noch stundenlang zusammen, analysiert das Spiel und die eigene Leistung. An den Tagen nach den Spielen könnten die Schiedsrichter dann in den verschiedenen Internetforen Schmähschriften über ihre umstrittenen Entscheidungen lesen. Vor allem Schmidt ist immer wieder eine Zielscheibe keineswegs immer sachlicher Kritik. "Was da steht, ist mir egal", sagt er kühl.
Schmidt hat die Wut der Fans aber auch schon körperlich zu spüren bekommen. Bei einem Testspiel zwischen Deutschland und Griechenland in Bielefeld packte ihn ein Zuschauer an der Gurgel. Marc Suhr, der ehemalige Nationalspieler, ging dazwischen und befreite den Schiedsrichter aus dem Griff des Fanatikers. Natürlich hat Schmidt das Erlebnis zu denken gegeben: "Da überlegt man sich schon, ob man aufhören soll." Heute ist das für "Boris" kein Thema mehr. Er sei vermutlich der einzige Schiedsrichter der BBL, den die Fans schon vor Spielbeginn ausbuhten, hat Schmidt einmal erzählt. Und er reagiert jedesmal mit großer Routine: Er pfeift drauf.
Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung / Sonntagszeitung vom 4.10.2007, Seite 34
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