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Die Grundidee des modernen Schiedsrichterns / Teil 2 Drucken E-Mail
Geschrieben von Valentin Lazarov / Übersetzung Albert Schencking   
Sonntag, 10. Juni 2007
assist24_drei-srDer Autor des nachfolgenden Artikels, Valentin Lazarov, war FIBA-Schiedsrichter von 1958 bis 1982 und ist seit 1976 Ehren-Schiedsrichter. 1983 wurde er FIBA-Kommissar, seit 1976 ist er Mitglied der Welt-Technischen Kommission. Er erhielt den begehrten Radomir-Shaper-Preis, der für außergewöhnliche Verdienste um die Basketball-Regeln und die Entwicklung des Basketballspiels verliehen wird. Der Text wurde von Albert Schencking ins Deutsche übersetzt und stammt im Original aus der FIBA-Publikation "FIBA-Assist" Nr. 24, Februar 2007.
Teil 1 findet Ihr hier.

C. Verstehen der Psychologie der Spieler, Trainer und Zuschauer

Ein spektakuläres und attraktives Basketballspiel besteht aus dem Vierergespann Spieler, Trainer, Schiedsrichter und Fans. Die Beziehungen dieser Vier zueinander sind für ein harmonisches Spiel äußerst wichtig. Sie können nur gemeinsam mit gegenseitigem Respekt und Toleranz nach folgendem Motto bestehen: Nichts ist wichtiger als das Basketballspiel!
Selbst für Spitzenschiedsrichter ist es unmöglich, ganz ohne Mitarbeit seitens der Trainer und Spieler erfolgreich zu bestehen.
Heutzutage ist das Basketballspiel beweglicher und athletischer als früher. Auch hat der Einfluss des Gelds enorm zugenommen, Sponsoren stecken große Summen in Basketball und erwarten dafür gute Leistungen ihrer Mannschaften.
Dies ist einer der Gründe, dass Spieler auf dem Spielfeld ihr Bestes geben wollen. Zusammen mit ihren Trainern sind sie oft überreizt und explosiv wie Dynamit. Jede als falsch wahrgenommene Entscheidung eines Schiedsrichters kann zu einer Explosion führen und ganz schnell eine Konfliktsituation herbeiführen.
assist24_unbekanntDaraus ergibt sich, dass der ideale Schiedsrichter gründliche psychologische Kenntnisse haben muss. Nur ein in dieser Hinsicht begabter Schiedsrichter kann sich alle Facetten dieses Themas erfolgreich aneignen, das sich aus dem Studium der Sprache, der Bewe-gungen, der Augen- und Körpersprache, der Handzeichen, des allgemeinen Auftretens sowie dem Umgang miteinander zusammensetzt.
Der Schiedsrichter ist sowohl Erzieher als auch Pädagoge, wird aber oft in der Rolle als Richter oder gar Scharfrichter gesehen. Seine Pfeife ist aber nur Werkzeug, keine Waffe! Er muss sozusagen mit "eiserner Hand in einem Samthandschuh" arbeiten. Ein freundliches Lächeln, eine beruhigende Geste oder aber auch eine unmissverständliche Verwarnung wirken oft besser als ein technisches oder disqualifizierendes Foul. Ein herzli-ches, ruhiges und menschliches Auftreten kann gleichermaßen entwaffnen und beruhigen!
Manche nur durchschnittlich begabten Schiedsrichter sind beliebter und besser respektiert als ihre technisch besseren Kollegen. Ich erinnere mich noch gut daran, was mein Ausbilder, der Ex-FIBA-Präsident Robert Busnel, zu sagen pflegte: "Ich habe oft einen Schiedsrichter nach einem hart umkämpften Spiel das Spielfeld verlassen sehen, der dabei von den Trainern und Spielern beglückwünscht wurde. Er konnte seine psychologischen Tricks so gut anwenden, dass seine Defizite in der Schiedsrichtertechnik nicht mehr auffielen".

D. Kenntnis der Regeln und Interpretationen
Das Basketballspiel ist so schnell geworden, dass Schiedsrichter innerhalb des Bruchteils einer Sekunde reagieren und die richtige Entscheidung fast automatisch fällen müssen. Es bleibt ihnen in der Praxis nicht die Zeit, Einzelheiten der Regeln abzurufen. Das geht aber nur, wenn sie sich ständig mit Studium und Analyse der Regeln und deren Interpretationen, den aktuellen Änderungen, den Schwerpunkten sowie den von der Welt-Technischen Kommission veröffentlichten Vorgaben befassen.
Leider sind die Lehrmethoden der Referenten, die Regeln auf den Lehrgängen präsentieren, vielfach ungeeignet. Viel Zeit wird damit verschwendet, nur theoretisch denkbare Spielsituationen zu diskutieren, die vielleicht einmal in hundert Jahren vorkommen oder nicht einmal dann! Dadurch wird der viel wichtigere erzieherische Hintergrund der Regeln vernachlässigt.
Junge Schiedsrichter müssen aber den Hintergrund der wichtigsten Regeln kennen lernen, warum sie so sind und wie sie entstanden sind. Dazu gehört die gestalterische Anwendung der Regeln auf dem Spielfeld und inwieweit sie situationsbedingt großzügig angewendet werden können. Schiedsrichter, die eine vernünftige Beurteilung einer Situation vor dem Hintergrund der Regeln vermissen lassen und dies lieber durch Detailverliebtheit ohne realistische Auseinandersetzung mit dem Spiel ersetzen, muss man im Wortsinne als reine "Pfeifen" bezeichnen.

assist24_unbekannt-konfliktE . Kenntnis von Angriffs- und Verteidigungssystemen
Mit zur wichtigsten Anforderung an einen Spitzenschiedsrichter ist seine Fähigkeit, unterschiedlich auf das Spiel und wie es von den Mannschaften taktisch geführt wird zu reagieren und seine Position auf dem Spielfeld entsprechend anzupassen. Er muss in der Lage sein, jederzeit auf Veränderungen und auf neue Spielelemente zu reagieren. Dazu muss er die Bereiche auf dem Spielfeld kennen, in denen es zu kritischen Situationen kommen kann, und muss mit der von den Spielern gerade angewendeten Taktik und Technik in Angriff und Verteidigung bestens vertraut sein. Beispielsweise müssen Schiedsrichter mit den Techniken beim Stellen eines Blocks und der damit verbundenen Taktik vertraut sein, um diese häufig vorkommenden Situationen im Spiel richtig zu beurteilen.
Einige Nationalverbände haben daher in ihrem Ausbildungsprogramm für Schiedsrichter Grundelemente zu diesem Thema verpflichtend aufgenommen, einschließlich eines obligatorischen Tests mit Trainerfragen.

F . Teamfähigkeit
Im modernen Basketball ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Schiedsrichtern, Kom-missar und Kampfrichter äußerst wichtig.
Grundlage ist vollstes Vertrauen eines Schiedsrichters zu seinem/seinen Kollegen. Keiner darf eine dominante Rolle spielen, Schiedsrichter müssen ein echtes Team bilden. Dazu gehört, Hilfe von den anderen zu holen, wenn eine Situation nicht gesehen werden konnte.
Manchmal kommt es zu einer unterschiedlichen Entscheidung oder zu einem Doppel-Pfiff. Fast immer kann dies durch Aufnahme von Blickkontakt, versteckte Zeichen oder kurze Beratung (nicht länger als 5 bis 6 Sekunden, aber immer abseits von Spielern und Trainern) zwischen den Schiedsrichtern geklärt werden. Solche Beratungen müssen durch gegenseitiges Vertrauen und kollegiale Zusammenarbeit geprägt sein.
Lange Diskussionen und Erklärungen zwischen den Schiedsrichtern, die dabei auch noch von Spielern und Trainern umringt werden, führen meist zu kritischen Situationen. Eine kurze aber gründliche Vorbesprechung ist für eine geschlossene Leistung im Team sehr hilfreich.
Junge Schiedsrichter müssen die ethischen Prinzipien für eine gute Zusammenarbeit der Schiedsrichter auf dem Spielfeld kennenlernen. Die nachstehenden Beispiele zeigen auf, was unbedingt vermieden werden muss:

  • assist24_unbekannt-wechselEin Schiedsrichter pfeift ein Foul. Während seiner Anzeige zum Anschreiber macht ein Spieler hinter seinem Rücken beleidigende Gesten. Der Schiedsrichterkollege sieht dies zwar, unternimmt aber nichts, weil dieses Verhalten nicht gegen ihn gerichtet ist.
  • Ein Schiedsrichter pfeift ein Foul. Während seiner Anzeige zum Anschreiber spricht ein Spieler den anderen Schiedsrichter an und äußert sich beleidigend über die Entscheidung. Reaktion des angesprochenen Schiedsrichters: "Es war seine Entscheidung, ich habe damit nichts zu tun."
  • Ein Schiedsrichter "versteckt sich" während kritischer Situationen in einem hart um-kämpften Spiel und pfeift keine der klaren Regelverletzungen, die in seinem Zuständigkeitsbereich geschehen, obwohl er sich in einer ausgezeichneten Position dazu befindet, nur um die unpopulären Entscheidungen seinem Kollegen zu überlassen.
  • Während einer Spielpause bzw. nach dem Spiel kritisiert ein Schiedsrichter in Gegenwart von Spielern, Trainern oder Fans einige Entscheidungen seines Kollegen.
  • Während eines Spiels sitzt ein Schiedsrichter als Zuschauer zwischen Fans und kritisiert offen die Entscheidungen seiner Kollegen auf dem Spielfeld.

Einige Schiedsrichter unterschätzen, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit mit dem Kommissar ist. Die in der Vorbesprechung zwischen Schiedsrichtern und Kommissar vereinbarten Absprachen und Vorgehensweisen sind bei bestimmten Spielsituationen sehr hilfreich. Ein Beispiel dazu: Fast gleichzeitig mit dem Schlusssignal wird ein Korb erzielt oder ein Foul gepfiffen und die Schiedsrichter sind sich nicht sicher, ob dies vor oder nach dem Zeitnehmersignal geschah.

G. Kenntnis der Schiedsrichtertechnik
In letzter Zeit wird immer mehr auf die Verbesserung und fachkundige Anwendung der Schiedsrichtertechnik auf dem Spielfeld geachtet.
Die Geschwindigkeit, mit der sich einzelne Spieler oder Mannschaftsteile auf dem Spielfeld bewegen, verursacht bei den Schiedsrichtern ernsthafte Probleme bei der Wahrnehmung des Spiels und bei der gesamten Spielübersicht. Deshalb kann vom einzelnen Schiedsrichter unmöglich erwartet werden, dass er in der Lage ist, alle Aktionen der zehn Spieler und des Balls zu beobachten.
Die neue Technik für zwei und drei Schiedsrichter ist als ein praktisches Hilfsmittel entwickelt worden, um den Schiedsrichtern eine Hilfe anzubieten, Probleme in bestimmten Bereichen auf dem Spielfeld lösen zu können. Ein Schiedsrichter muss in bestimmten Situationen auf bestimmte Situation mehr achten als der andere. Für die Technik gilt insbesondere:

  • Sich stets an die richtige Stelle zu begeben.

  • Immer an der optimalen Stelle zu sein, um richtig sehen zu können.

  • Wissen, wohin zu sehen und was zu beobachten ist.

Alle Schiedsrichter müssen auf dem Spielfeld die offizielle FIBA-Schiedsrichtertechnik an-wenden. Allerdings führt eine sture Einstellung wie assist24_unbekannt-freiwurf"Für diesen Bereich auf dem Spielfeld bin ich verantwortlich, für jenen bist du es" nur zu einer äußerst schlechten Zusammenar-beit. Grundsätzlich entscheidet ein Schiedsrichter in jeder Spielsituation, wenn er sich dabei absolut sicher ist und sein Kollege nicht den Mut zur Entscheidung hat, unkonzentriert ist oder einfach aufgrund der momentanen Position der Spieler dazu nicht in der Lage ist. Ein Kommentar wie "Das war nicht mein Pfiff" macht den eigentlichen Sinn und Zweck der Schiedsrichtertechnik zunichte. Leider versuchen einige selbsternannte Ausbil-der und "Experten" dieses System als wichtigsten Bestandteil in den Lehrgängen hervor-zuheben und unterschätzen dabei die viel wichtigeren Themen "Gefühl für das Spiel", "Kriterien bei Körperkontakten" und "Beziehung zwischen Schiedsrichtern, Trainern und Spielern". Es wird zuviel Zeit mit an den Haaren herbeigezogenen Formalismen verschwendet, die nur eine untergeordnete oder gar keine Bedeutung haben. Dadurch werden Schiedsrichter-Roboter produziert, die hauptsächlich damit beschäftigt sind, sich in einer "optimalen Position" zu befinden und ihren Zuständigkeitsbereich keineswegs zu verlassen, anstatt vernünftig und angemessen zu urteilen. Kürzlich war ich während einer Zonenmeisterschaft über einige Schiedsrichter richtig schockiert. Nur ironisch kann man einen sogenannten "Beurteiler" zitieren: "Die Schiedsrichter zeigten in diesem Spiel eine hervorragende Technik, aber durch einige miserable Entscheidungen zerstörten sie die Arbeit der Trainer und Spieler eines Jahres."

H . Kenntnis der Kampfrichterarbeit
Dieses Thema wird normalerweise nicht in das Programm eines Schiedsrichterlehrgangs aufgenommen, was überhaupt nicht zu rechtfertigen ist. Einige "Experten" übersehen dabei, dass kleine Fehler des Kampfgerichts ein hervorragend geleitetes Spiel zerstören können. Deshalb muss ein Schiedsrichter die Aufgaben der Kampfrichter genau kennen. Im Spiel tauchen oft Probleme mit dem Kampfgericht auf, die gelöst werden müssen. Während der ersten Jahre ihrer Schiedsrichterkarriere werden sie in vielen Ländern häufig als Kampfrichter eingesetzt. Eine gute Zusammenarbeit zwischen Schiedsrichtern und Kampfrichtern verdient eine besondere Beachtung.

X Faktor für Talent und Persönlichkeit

assist24_unbekannt1Eine Persönlichkeit zu sein bedeutet, dass man aufgrund des Talents, des Verhaltens, der Integrität und des sozialen Status von Spielern, Trainern und sogar Fans respektiert und akzeptiert und einem vertraut wird. Dies kann soweit gehen, dass manche schwachen Pfiffe nicht kritisiert oder angegriffen werden. Michael Jordan stellte bei den Spielern eine solche Persönlichkeit dar. Schiedsrichter, die als Persönlichkeit akzeptiert werden, haben es viel leichter, bei Spielern und Trainern auf Verständnis und Zusammenarbeit zu stoßen. Versuche deshalb, ein "Michael Jordan der Schiedsrichter" zu werden! Dabei darf aber nie vergessen werden, dass dies ein langer und schwieriger Prozess ist, der harte Arbeit, natürliche Begabung und nicht aufhörendes Streben nach Vollkommenheit bedeutet.

Y Faktor für Ehrgeiz, starken Willen und Mut
In einem Spiel ist es das größte Vergehen, wenn ein Schiedsrichter ein regelwidriges Verhalten eines Spielers ganz deutlich wahrnimmt, aber nicht den notwendigen Mut aufbringt, dies insbesondere in einem entscheidenden Moment zu pfeifen. Wenn man respektiert werden will, muss man in schwierigen Situationen hart sein und jederzeit damit rechnen, persönliche Verantwortung für eine harte Entscheidung zu übernehmen.
Natürlich sichert nicht nur harte Arbeit und Ehrgeiz den Erfolg, aber wer erfolgreich sein will, muss auf viele Annehmlichkeiten des Lebens verzichten und bereit sein, ganz unten auf der Leiter anzufangen.

Z Faktor für persönliche Möglichkeiten
Bekanntlich sind manche Schiedsrichter als "Hans im Glück" auf die Welt gekommen und haben einfach mehr Glück als andere. Für solche Ausnahmefälle ist der Weg zur Spitze kürzer und leichter.

Schlussbemerkungen

Dieser Artikel ist hauptsächlich gerichtet an

  • junge und ehrgeizige Schiedsrichter

  • FIBA-Kandidaten oder frischgebackene FIBA-Schiedsrichter

  • Referenten bei Schiedsrichterlehrgängen

Ich wollte hiermit aufzeigen, dass Schiedsrichter, die diesen neuen Herausforderungen des derzeitigen Basketballs gerecht werden wollen, genauso wie die Spieler regelmäßig an sich arbeiten und sich professionell verhalten müssen.

"Derjenige, der sich nicht vorwärts bewegt, fällt zurück!"

Wir wissen, dass dies hart und sehr schwierig ist, manchmal sogar schmerzhaft, aber dieser gesamte Aufwand ist erforderlich, falls ein Schiedsrichter Basketball wirklich liebt und bestrebt ist, die Weiterentwicklung des Spiels durch sein Schiedsrichtern zu fördern und nicht zu behindern.

 
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